Theater in der Eisfabrik Commedia Futura

 

 

 

 

 

 

幻覺

 

Interview mit Monika Matting

 

Du versprichts den Besuchern deiner Homepage:

Seiten für lebendige Sinnlichkeit, Lebensfreude und Körpererleben.

Was hat das mit dir als Schauspielerin zu tun?

 

Mich hat das Drama schon immer interessiert. Konfliktreiche Situationen, aber auch die ganz normale Alltags-Dramatik, die nicht selten urkomisch sein kann.

 

Was reizt dich am Theaterspielen?

 

Ich kann als Schauspielerin endlich die Dinge aussprechen, die ich mir im Alltag nicht selten verkneife. Wie oft wird einem der Mund verboten! Auf der Bühne besteht die Kunst darin, das Gesagte, auch den Zuschauern  in den hinteren  Reihen, verständlich rüber zubringen.

 

Warum hat sich Orpheus z.B.umgedreht, als er seine geliebte Frau aus der Unterwelt zurück holen wollte? Man weiß es ja nicht, der Mythos sagt uns ja nicht wirklich warum.

Warum hat sich Orpheus umgedreht, wurde ich in einem Interview gefragt? Ich habe da meine ganz eigene Theorie. Ich behaupte einfach, dass sie außer Orpheus noch einen anderen Mann kennen und lieben lernt. Dass sie also eine heiße Affäre hat, bevor sie plötzlich verstirbt. Orpheus weiß das zwar nicht, aber er ahnt in dem Moment, wo sie gemeinsam auf dem Weg aus der Totenwelt sind, dass sie als Paar die Intensität, der vergangen Jahre nicht wieder beleben können. Was mag dem unglücklich Liebenden plötzlich eingefallen sein, welche Frage bleibt unausgesprochen, als er zu Tode erschrocken in das aschfahle Gesicht seiner  Frau blickt?

In meiner Arbeit mit Commedia Futura wurde ich immer wieder aufgefordert hinter die Kulissen zu schauen, mir eine eigene Meinung zu bilden und eigene Texte zu schreiben.

 

Du hast dich in den Stücken von Commedia auch bewegt, also getanzt?

 

Ja, das finde ich total spannend! Ich erlebe, dass die Tänzer/innen, mit denen ich in den Produktionen zusammen gearbeitet habe, sich fast ausschließlich auf der  Körperlichen Ebene ausdrücken. Sie sagen alles - ohne Worte. Von dieser Körperlichkeit lasse ich mich gerne inspirieren.

 

Was nimmst du für dich persönlich aus deiner Arbeit als Schauspielerin mit?

 

Die Erfahrung das Körper und Stimme zusammengehören und ich auch von meinen Tao Yoga Teilnehmer/innen gerne gesehen und gehört werde. Die Erfahrung das alle Emotionen ihre Berechtigung haben und sie auch im Alltag ihren Ausdruck suchen. Ich lebe gerne mit allen Sinnen...

 

 

Das liebende Paar

Text der Eurydike:

 

Orpheus ist mein Mann. Seine Stimme verdreht nicht nur mir, sondern allen Mädchen den Kopf. Wenn er einen Auftritt hat, liegen wir ihm alle zu Füssen. Ich  bin bestimmt nicht die Schönste, aber er hat gefallen an mir gefunden.

Vor seinen Auftritten stehen wir backstage „Ich liebe dich, du bist immer für mich da“, murmelt er mir dankbar ins Ohr  und streicht mir die unordentlichen Haare aus dem  Gesicht. „Ich bleibe immer bei dir“, flüsterte ich zurück und halte seine Hand ganz fest in meiner, bis mir der Andere begegnete.

Wir haben uns nur ein einziges Mal getroffen und  jetzt gibt es kein Zurück mehr.  Wir hatten Sex, einmal die Unendlichkeit gespürt! Und dieses sehnsuchtsvolle Brennen in meinem Schoss sagt immer wieder: ja, ja ich lebe, ich lebe immer noch und wenn ich tausend Tode sterbe, dieser Schmerz hält mich am Leben.

Seltsam, es  fällt meinem Mann nicht mal auf, dass ich nicht mehr bei ihm bin. Ich halte seine Hand, aber meine Lust auf das Leben habe ich dem anderen geschenkt. Zwei Tage später habe ich diesen tödlichen Unfall. Ich muss zu den Toten. Orpheus beugt sich über meine Leiche und ich erkenne, wie sehr er  am Leben hängt. Er verspricht mir: „ich hole dich zurück, ohne dich kann ich nicht leben“.

                                                                                                                            Ich verstehe, ja, ich verstehe, solange wir nicht gelebt haben, hängen wir am Leben. Und er kommt mich tatsächlich holen. Alles ist umsonst, wenn meine Frau nicht meine Hand hält, erzählt er den Wächtern. Er singt  uns Toten auch was vor und wir liegen ihm alle wieder zu Füssen. Ich muss lachen, sie hängen alle noch am Leben, alle die mit mir tot sind und ich bin die einzige die wieder zurück darf. Ich bin mir unsicher, ob ich ihm wirklich  folgen möchte. Ich stolpere hinter Orpheus her, der mich zurück zu den Lebenden zieht. Ich bleibe stehen, als mir der Schuh vom Fuß rutscht und er dreht sich zu mir um. Er schaut der Wahrheit ins Gesicht.  „Ich werde dir nicht folgen“, sage ich tonlos. „Was soll ich tun?“, fragt er verzweifelt und schaut auf seine leeren Hände. „Lebe mein Liebster, dann sehen wir uns wieder“, hauche ich ihm hinterher.

 

Text von Monika Matting

2013